Ein Kommentar von Jan Nintemann, TransformIT Europe & langjähriger Organisator des IFA Reseller Park Berlin, und Jochen Siegle.
Foto: MediaMarkt
Ein Kontinent ohne Mut zur Zukunft
Was sich heute in der Wirtschaftsmeldung der Tagesschau liest wie ein gewöhnlicher Börsendeal, ist in Wahrheit ein weiterer Tiefpunkt in der europäischen Industriepolitik. Mit der geplanten Übernahme von Ceconomy – also MediaMarkt und Saturn – durch den chinesischen Tech-Giganten JD.com verkaufen wir nicht nur eine Handelskette. Wir verkaufen ein Stück europäische Selbstbestimmung im digitalen Konsumzeitalter.
Während China, die USA oder Südkorea gezielt in ihre Handels- und Technologie-Giganten investieren, kapitulieren wir in Europa regelmäßig vor dem eigenen Potenzial.
MediaMarkt und Saturn – einst Sinnbild für eine moderne, europaweit vernetzte Consumer-Electronics-Kultur – werden nun als Beute gefeiert, weil „Zugang zu Lieferketten und Technologie“ versprochen wird.
Ehrlich gesagt: das ist bitter. Denn was wir da wirklich erleben, ist keine „Stärkung des europäischen Handels“, sondern die Übergabe der Schlüsselgewalt über einen Milliardenmarkt an ein ausländisches System, das unsere Werte nicht teilt – weder in Sachen Datenethik noch Wettbewerbs-Fairness.
Wir sind die Deppen – weil wir nicht gestalten, sondern verkaufen
Wo bleiben die europäischen Antworten auf Amazon, JD.com oder Alibaba? Wo ist der digitale Mut, die Kraft zur unternehmerischen Vision? Statt eigene Plattformen, Daten- und Lieferketten-Innovationen aufzubauen, verkaufen wir uns lieber aus und jubeln über ein paar Prozent Kursgewinne an der Börse. Mit Verlaub: Das ist unternehmerischer Selbstbetrug.
Was wir bräuchten, wäre ein europäischer Handelsplan – kein Schlussverkauf
Der Verkauf von MediaMarktSaturn an JD.com ist ein Symptom – für fehlende industriepolitische Strategie, für einen kranken Finanzkapitalismus, der kurzfristige Margen höher bewertet als langfristige Unabhängigkeit.
Wir brauchen einen europäischen „Digital Industrial Act“, der Investitionen in Retail-Tech, europäische Plattformen, faire Lieferketten und nachhaltige Geschäftsmodelle systematisch fördert.
Unser Appell: Europa, wach auf!
Es reicht nicht, über „strategische Autonomie“ zu sprechen – wir müssen sie endlich leben. Sonst stehen wir bald nicht mehr nur ohne eigene Halbleiter, ohne eigene KI-Infrastruktur und ohne Cloud-Plattformen da, sondern auch ohne Handelskompetenz.
MediaMarkt war einmal das Schaufenster Europas für Innovation. Jetzt wird es zur Vitrine chinesischer Dominanz. Das ist traurig – und vermeidbar gewesen.
Es fehlt in der gesamten Handelslandschaft innerhalb der EU eine wirkmächtige EU-Zentrale der Handelsverbände, welche (noch viel zu EU-zögerlich) fast ganz alleine in ihren Ländern vor sich hin wirtschaften – während nahezu alle größeren Hersteller international, meist weltweit unterwegs sind.
Dies betrifft auch die EU-Branchen-Dachverbände, die häufig in Brüssel nur ein ohnmächtiges Kommunikationsbüro bis hin zu Briefkasten-Offices unterhalten. Dabei böten vernetzte und branchenübergreifend kommunizierende Wirtschaftsverbände in Brüssel mit über 2.200 Dachverbänden (so viele wie in keiner anderen Stadt der Welt) hervorragende Möglichkeiten, in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission die Wahrung der Interessen und den Schutz der europäischen Unternehmen gegenüber unfairen Praktiken von Großinvestoren aus nicht-demokratischen Ländern voranzutreiben.
Die TransformIT Europe soll als erste branchenübergreifende pan-europäische GreenTech-Messe die Kommunikations-Plattform sein, welche die Stärkung und Weiterentwicklung europäischer Unternehmen in Angriff nehmen und Schutzmaßnahmen gegenüber der aggressiven und unangemessenen Einflussnahme nicht-europäischer Wirtschaftskonzerne Einhalt gebieten kann.
Quellen